Beati possidentes  

 "Glücklich die Besitzenden."

Der Link "Unter der Haube" zeigt die Goldwing unter der Verkleidung.
Der Link " Pimp My Vehicle" beschäftigt sich mit meinen Ein-, An- und Umbauten an der GL.

Wie früher schon mal beschrieben ist das Verhältnis von HONDA zur Goldwing scheinbar ein gestörtes. Bittet man um Informationen bekommt man den kleinen Prospekt, in meinem Fall war er auch nicht aktuell sondern vom vergangenen Jahr. Wenn jemand gewillt ist mehr als 30.000,- € auf den Tisch zu legen, hätte ich etwas mehr an Informationen erwartet.

 

Auch bei den Händlern trifft der Begriff „Goldwing“ wohl auf wenig Gegenliebe. Nur wenige Händler bieten eine GW im Ladenlokal an, und die, die eine haben, wissen vielfach nur wenig bis nichts über das Gefährt. (Darüber könnte ich einen eigenen Bericht schreiben.) Man überlässt dieses Geschäft scheinbar zum größten Teil freien Händlern.

 

Wenn dieses „Desinteresse“ sich auch in den Werkstattbereich zieht, kann man nur hoffen, dass sich in den zwei Jahren der Garantie nichts Dramatisches ereignet.

 

Gilt auch für Motorräder
Gilt auch für Motorräder

Die GW ist ein Koloss. Darüber braucht man nicht zu diskutieren. Hier wird „OFT - Old Fashion Technique“ gelebt und geliefert. Das braucht seinen Platz - und hat Gewicht. Wo woanders elektronisch getriggerte Stellmotörchen ihren Dienst verrichten, reicht hier ein Seilzug oder schlichte Klemmen - und Körperkraft. Man mag es – oder nicht. Anders geht nicht.

 

Wo bei Konkurrenzprodukten ein Schraubenwust die Karosse hält, reichen bei der GW Stecknasen in Gummipuffern. Da es seit 40 Jahren so hält, wird es wohl reichen. Manche Dinge scheinen bammelig, z. B. die Tankklappe oder die Klappen der Krimskramsdöschen der Sozia. Mit deren Haltegriffen allerdings, damit kann man einen Ochsen erschlagen und am Nummernschildträger wegziehen. Mit einem ähnlichen Gebilde wie der Radioantenne hat d´Artagnan Richelieu in die Flucht geschlagen, vom Gewicht ganz zu schweigen. Bei der K 1600 gibt´s als Bordwerkzeug einen Schraubendreher mit Plastikgriff, die GL 1800 hat einen richtigen Werkzeugsatz. So wie früher. Die Extreme gehen auseinander.

So. Kommen wir mal zum wirklich Wichtigen – wie fährt sich die Fuhre?

 

Keine Angst vor großen Tieren

 

Die ersten Kilometer sind schon – wie bei jedem neuen Fahrzeug – gewöhnungsbedürftig. Die Fußrasten liegen anders, die Kupplung werkelt anders, man sitzt anders. Aber das legt sich nach den ersten Kilometern. Erstaunlich ist die Geschmeidigkeit beim Lenken. Die ersten Kurven waren noch etwas hölzern, danach musste ich mich zurücknehmen, die Reifen sind ja auch noch neu. Eine dynamische Körperhaltung tut auch einer GW in Kurven gut. Gut, eine K1600 beschleunigt definitiv sportlicher und spürbarer, aber das heißt nicht, dass eine GW nicht auch vom Fleck kommt. Wenn das gelbe Licht der Tankuhr angeht passen nahezu genau 20l in den Tank, bei Erreichen der roten Linie waren es 23l. 25 sollen angeblich rein passen. Übrigens: die Tanknadel geht vom ersten gefahrene Kilometer abwärts und nach 50km der erste Strich erreicht. Das befremdet ein wenig und lässt erst mal nichts Gutes ahnen, was den Verbrauch betrifft. Die erste Füllung reichte dann doch für gute 320km. Ich bin gespannt wie sich das entwickelt.

Inzwischen bin ich bei 7 L /100 km angekommen. Wie manche in ihren Beschreibungen Durchschnitte von 5,soundso erreichen ist mir noch schleierhaft. Fahren die schon oder rollen sie noch? Oder mach ich was falsch?

 

Eine Umstellung war auch der Blick auf den Tacho, die 50 km/h-Markierung ist die kleinste im Rundinstrument und ist nicht hervorgehoben. Schwups ist man zu schnell. Und es gibt „nur“ noch 5 Gänge - aber keine Ganganzeige. Ok, ob man sie braucht lassen wir mal dahingestellt, jetzt im Anfang fände ich es angenehm und hilfreich.
So, die Einfahrphase ist beendet und das erste Mal "am Hahn ziehen" auch. Ich empfinde es als wohltuend, dass auch bei Tempo 200 kein ohrenbetäubender Lärm von unten kommt. Aber so oft fährt man die 200 auch nicht.

 

Tja, bei den Fahrten in Dunkelheit hat sich die „OFT“ leider auch mal als nicht so toll erwiesen. Die Scheinwerferabdeckungen sind groß und glänzen, sorgen aber leider nicht für ein wirklich helles Licht auf dem Asphalt. Entweder bin ich da von den letzten Motorradmodellen verwöhnt oder es besteht da noch Tuningbedarf. Die erste Übungsstunde auf einem verwaisten Parkplatz am Sonntagmorgen zeigte dann auch, dass das enge Zirkeln nochmal geübt werden muss. Es ist halt ein Unterschied ob mehr der „Instinkt“ bei Normaltempo mitfährt oder mehr das „Hirn“ im Übungsschleichgang.

 

Ausrüstung:

 

Wie schon gesagt, die Informationen aus dem Hause HONDA sind schwach bis mäßig und beschränken sich auf die großen Features wie Bremssystem und Airbag. So kleine Sachen wie beleuchtete Armaturenknöpfe werden nicht genannt. Eine Selbstverständlichkeit? Dabei ist sowas doch ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

 

Natürlich wird auch das Navi genannt. Es befindet sich im Topcase und stammt aus dem Hause Garmin und – ja – ist leider nicht mehr State of the Art. In Ausstattung und Bedienung entspricht der einer älteren Auto-Navigation. Keine Bildschirmbedienung o. Ä., einfache Dateneingabe per Drucktasten am Fahrzeug. Für einfache „von-nach“ Planung mag es gehen, ganze Touren über Tage lassen sich so nicht wirklich erstellen. Ein jährliches Versions-Update kostet (lt. Web) mehr als 300,- €. Das Navi „online“ zu verbinden (z. B. für Downloads) geht technisch nicht. Je nach Update und/oder Ausführung rechnet sich somit schon kurzfristig ein anderes Navi.

 

Der Bildschirm zeigt übrigens nicht nur die Navieinstellungen und Routen an, sondern ist auch Anzeige für Radio und andere Informationen. Leider spiegelt sich auf 50% des Displays der Rest des Universums und mit den anderen 50% ist man dann spätestens um 3 Generationen Fahrzeugelektronik zurückgebeamt… Aber haben wir es anders gewollt?

 

Übrigens… Im TC befindet sich die Radio- und Navi-Hardware (incl. evtl. benötigter SD-Karte).

 

So auch der USB-Anschluss für evtl. mp3-Datenträger. Die Stelle mitten auf der Ladefläche ist schlecht gewählt. Ist ein Teppich o. ä  ins TC gelegt - was zu empfehlen ist - verdeckt der den Anschluss, ist ein Gerät (ohne Unterlage) angeschlossen hängt es mitten im TC und schlabbert dort herum.
Ich habe den USB-Anschuss zurück ins Radio-Fach gelegt (einfach die Gummitülle herausdrücken), dort ist dann wenigstens ein USB-Stick sicher. Ins TC passen 2 Klapphelme, auch wenn man es zunächst nicht glauben mag. Dazu müssen die "Nasen" der Helme in die oberen äußeren Ecken gesteckt werden. Anders geht es nicht. Auch in einen Seitenkoffer passt kein Integralhelm. Das ist etwas überraschend, hier täuscht die Optik mehr vor.

Fazit:

Es gibt kein Fazit. Wer von aktuellen Maschinen auf eine Goldwing umsteigt muss evtl. einen "Kulturschock" verkraften wollen.

Die typmäßige Entschleunigung und die Laufkultur des Motors kommen mir nach der K 16 GT sehr entgegen. Kein Krawall, kein Lastwechsel, einfach Fahren. Irgendwie zeitlos.  
Ungewöhnlich - und für mich auch unverständlich - ist aber die nahezu vollkommene Verweigerung der Heranführung des Modells an die aktuelle Art der Gebrauchsfähigkeit in den letzten 40 Jahren, in Neusprech: Usability.

 

Ein Knopf für jede Funktion erinnert an die große Zeit der HiFi-Türme aus japanischer Produktion (oder an OPEL-Pkws). Je mehr Schalter, je mehr Lämpchen im Schummrigen geleuchtet haben, umso „besser“ war die Anlage. Wir wissen heute alle, dass die Lämpchen nur als Kuschelbeleuchtung getaugt haben. Wie viele kleine Weltenbürger mögen wohl im Lichterstrahl einer Kenwood- oder Technics-Anlage entstanden sein… Irgendwer meint aber, dass dieses 40 Jahre alte Konzept auch heute noch auf ein Motorrad anzuwenden ist. (Ob das mit dem Kuscheln auch klappt bezweifel ich allerdings.)

 

Was die Funktionalität angeht wissen wir auch noch von damals, dass wir nur drei oder vier Tasten/Schalter gebraucht haben. So ist es auch bei der GL. Natürlich gibt es eine Menge Informationen, die den Fahrer interessieren könnten. Man muss es nicht gleich so auf die Spitze treiben wie bei der K16, bei der die Bedienung des Dreh- und Druckrades mit der jeweiligen Datenflut auf dem Bildschirm auch nicht zwingend zur Verkehrssicherheit beigetragen hat. Aber eine Taste für eine Parameteransicht (z. B. Temperatur), diese in einer Größe, dass jeder halbwegs passable Satellit sie vom Weltraum aus lesen könnte, DAS ist Verschwendung. Triumph hat mit der Trophy ein brauchbares Konzept gezeigt. Der Faher kann sich auch der Menge der Parameter seine Anzeige mit sechs Werten individuell zusammenstellen. Das hat was.
Die Umschaltung der Uhr von 12 auf 24-Std.-Anzeige oder der Temp-Anzeigenänderung von Celsius auf Fahrenheit, ja, das sind die wahren digitale Highlights der GL. Es ist klar ersichtlich, dass die wahre Zielgruppe nicht auf dieser Seite des Atlantiks liegt. Die vollkommene Ignoranz von Standards in dieser Preisklasse (z. B. einer elektr. verstellbaren Scheibe oder eines servicefähigen Navis, einer funktionierenden Bluetooth-Hardware oder einfach nur der basisdemokratischen Wahl, ob man die automatische Blinkerrückstellung haben möchte oder nicht) spricht für ein ausgefuchstes Marketing (Wortwitz, keine Werbung) oder eine sehr enthaltsame Kundschaft. Mit Logik lässt sich ein Goldwing-Kauf nicht erklären. Also lasse ich es.

 


Update_MAI 2016:

Nach nun mehreren 1000 km auf der Dicken müssen einige Statements upgedated werden.

 

Der Verbrauch ist sehr stark abhängig von der Fahrweise. Im täglichen Verkehr (zwischen 16 und 160 km/h) komme ich mit einer Tankfüllung gute 300km weit. Bei konstant 130km/h (z.B. auf franz. Autobahnen) sind auch mit etwas Mut 400km drin. Noch spannender wird es, wenn man durch die Seealpen fährt, bergauf, passab, Kurvengeschlängel, auch dann sind 400km drin.

 

Apropos Kurven... Es war für mich erstaunlich, dass auch die kleinen, weißen Straßen des "michelin" mit einer GW durchaus Spaß machen. Lediglich die Qualitäten der Fahrbahn können da das Vergnügen schmälern.

In manchen Kurven ist ein leichtes "Rühren" in der Gabel zu spüren.   

Aber da muss die Dicke dann durch. Eine Überholvorgang muss man allerdings anders angehen. Die Gasannahme des Motors unterscheidet sich doch erheblich von anderen Maschinen, sodass ein "mal eben vorbei" noch vor der Kurve wohl überlegt sein sollte.

Trotz "hochgelegtem" Heck passiert es immer wieder, dass der Fuß oder die Fußraste in Kurven Bodenkontakt bekommt. Ich habe mich daran nicht gewöhnt und mich immer wieder erschrocken. Auf die Fahrt an sich hatte es allerdings keinen Einfluss.  

Ich habe übrigens die Glühbirnen-Erstausstattung des Fahrlichts gegen OSRAM H7 Night Racer getauscht. Für meinen Geschmack hat sich damit die Ausleuchtung der Straße erheblich verbessert.

 

Als großer Mist hat sich die Scheibenkonstruktion erwiesen. Aufgrund nicht vorhandener Hinterlüftung und der Unmöglichkeit den Anstellwinkel zu ändern erweist sich die Scheibe als "Nestbeschmutzer".  Da man z. B. in den Seealpen nicht nur über frisch gefegte Wege fährt landet mächtig viel Staub im Cockpit. Nach Abtrocknen des Morgentaus sieht die Karre dann aus, wie nach einem Geländeausflug. 

Kann man beim Dreck noch drüber lächeln, bleibt dieses bei Regen im Halse stecken. Die Scheibe saut sich derartig von hinten zu, dass man nichts mehr sieht. Eine wahre Wasserwand baut sich vor dem Fahrer auf. Das ist nicht mehr spaßig, das ist lebensgefährlich. Ich dachte schon bei der "Trophy" wäre es schlimm gewesen, aber auch hier setzt die Goldwing Maßstäbe. Die Scheibe mal eben runterfahren geht nicht, weil runterfahren gibt´s nicht. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden!

 

Die Seitenkoffer... erscheinen riesig, mein Klapphelm passt aber auf keiner Seite hinein. Runde und spitz zulaufende Formgebung und eine unregelmäßig sich nach innen wölbende Rückwand verhindern einfaches Verstauen von Hartbox, Kanister oder Flasche. Da ist mein Latein im Moment am Ende. Das Topcase ist dagegen mangels großzügiger Innenschale ein richtiges Staufach. 

 


 

Sonst noch was?

 

„Stecker an Strom“

 

Nein, keine belauschte Kommunikation im Bus-System (それは何ですか), sondern die Anbringung des Steckers eines Batterie-Ladegerätes. Das hat sich bei den letzten Motorrädern als praktisch erwiesen, dass man das Ladegerät nur anstecken muss, wenn es denn nötig ist. Die Batterieklemmen mit handelsüblichen Zangen zu erreichen ist erst gar nicht möglich.

Und als zweite Maßnahme: die Anbringung einer ganz normalen Steckdose für evtl. Verbraucher mit einem Stecker (z. B. ein Mobile-Ladegerät) oder eine elektr. Luftpumpe. Aus diesem Grund ist auch hier eine etwas stärkere Verkabelung gewünscht.

Drittens noch der Einbau einer immer (!) verfügbaren USB-Steckdose im „Handschuhfach“.

 

 

 

Man sieht schon, es gibt immer was zu fummeln. Und dabei bin ich noch gar nicht auf den Geschmack gekommen, was das typische Goldwing-Zubehör angeht: Farben, Chrom & Licht.

 

Keine Angst, meine GW wird aller Voraussicht nach nie zu einer rumänischen Kirmeskarre verkommen. Obwohl… ich hab da letztens was gesehen….